Interview mit Claudia Haubrich

„Es ist gut, bei den Menschen zu sein.“

Unterwegs mit Claudia Haubrich. Die Sozialarbeiterin im Programm „Mobile Einzelfallhilfe“ setzt sich am Berliner Bahnhof Zoo für Menschen in Not ein – eine gemeinsame Initiative der Berliner Stadtmission, der Bahnhofsmission am Zoo und der Deutsche Bahn Stiftung.

 

Pendler. Touristen. Verkehr. Ein ganz normaler Tag am Bahnhof Zoo. Dazwischen Menschen mit einem Tagesquartier aus Pappmaché. Sie schnorren Zigaretten oder warten, dass eine Münze in den Hut fällt. Für die Mehrheit der Passanten, so scheint es, sind diese Menschen unsichtbar.

Zur selben Zeit sucht Claudia Haubrich in der Kleiderkammer der Bahnhofs­mission nach Schuhen. Die Räume liegen auf der Rückseite des Bahnhofs. Eine Insel für mehrere hundert Gäste, die täglich hierher kommen – Menschen in Notlagen und am Rand der Gesellschaft. Bis der Speiseraum öffnet, sind es noch gut drei Stunden.

Claudia Haubrich mustert die Regale der Kleiderkammer. Erst am Morgen hat eine Schar freiwilliger Helfer die Wäsche sortiert. „Hier lagern wir Schlafsäcke, Decken und Jacken. In den Boxen gegenüber sammeln wir Waschzeug und Unterwäsche.“ Eine Tüte griffbereit, fischt sie zuerst eine dünne hell­braune Strickjacke und danach ein Paar schwarze Anzugschuhe hervor. „Die sind ja schick.“ Ein zufriedenes Lächeln. Weiße Badeflops kommen zum Vorschein, unbenutzt und in der richtigen Größe. „Perfekt, die packe ich mit ein.“ Am Nachmittag will Haubrich einen „ihrer“ Klienten besuchen, einen älteren Mann, dem wird sie die Tüte mit den Schuhen bringen. „Er stammt aus Polen und hat Klavier und Komposition studiert.“ Wie lange er schon auf der Straße gelebt hat, bevor die Bahnhofsmission ihm helfen konnte, lässt sich schwer schätzen. Sie hat sich für den Mann eingesetzt und in der Entzugsklinik regelmäßig besucht. Sie war mit ihm beim Amtsgericht und hat ihn bei Behördengängen begleitet. Jetzt wohnt er in einer Alterspension in Charlottenburg, „bis er sein Leben hoffentlich ohne Alkohol wieder in den Griff bekommt“.

Claudia Haubrich, Anfang 30, arbeitet in der Mobilen Einzelfallhilfe, einem Gemeinschaftsprojekt der Deutsche Bahn Stiftung mit der Berliner Stadtmission und der Bahnhofmission am Zoo. Seit April 2013 sind zwei Sozialarbeiter rund um die Uhr in ganz Berlin im Einsatz. Sie kommen, wenn sich Bürger um hilflose, überforderte und wohnungslose Menschen Sorgen machen.

Die Mobilen Einzelhelfer bauen Vertrauen auf, organisieren medizinische Versorgung und begleiten Schwerkranke zu Ärzten. Sie ermutigen ihre Klienten zur Selbsthilfe und unterstützen sie sowohl beim Gang zum Amt als auch bei der Wohnungssuche. Im Schnitt betreuen sie acht, manchmal auch 20 Klienten. Die meisten sind obdachlos. Viele schaffen es nicht mehr, soziale Anlaufstellen aufzusuchen.

Claudia Haubrich versucht gegenzusteuern. Sie sieht es als ihre Berufung an, zu den Menschen hinzugehen. Sie hört zu und arbeitet am Selbstwertgefühl ihrer Klienten. Behutsam zeigt sie den ihr fremden Menschen Möglich­keiten auf, wie es weitergehen kann. „Es wäre nicht richtig, jemanden einfach so aufzugeben.“

Enge Zusammenarbeit von Stiftung und Bahnhofsmissionen

Die Arbeit für Menschen am Rande der Gesellschaft ist aufwendig und zeitintensiv. Ohne Unterstützung geht es nicht. Die Deutsche Bahn Stiftung fördert die Mobilen Einzelfallhelfer deshalb jährlich mit 30.000 Euro und setzt damit die seit 1894 bestehende enge Verbundenheit der Bahn mit den Bahnhofsmissionen fort. Gleichzeitig fördert die Stiftung mit Programmen wie der Mobilen Einzelfallhilfe die Arbeit von Sozialarbeitern oder Bürgern. Die Deutsche Bahn wiederum stellt an den Bahnhöfen kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung.

Der Job am Bahnhof Zoo sei wie für sie gemacht, sagt Claudia Haubrich und lacht. Bescheiden, zielstrebig und unaufgeregt geht sie im Kopf den Tagesplan durch. Es mache keinen Sinn, alles aufzuschreiben. „Jeder Tag ist anders. Routine gibt es nur auf dem Papier.“ Und Rückschläge? Auch das gehört dazu.

Torsten ist seit drei Wochen weg vom Alkohol. Er trinkt seit er 12 ist. Danach kamen die Drogen. „Den ersten Totalabsturz hatte ich mit 16. Seitdem bin ich nie richtig von dem Zeug los­gekommen.“ Claudia Haubrich unterstützt den heute 46-Jährigen auf seinem Weg zurück in ein Leben ohne Sucht. Die Sozialarbeiterin nickt ihm zu und berichtet von einem Bauernhof, wo er seine Therapie hoffentlich bald fortsetzen kann und hofft, dass Torsten sich möglichst selbst für die Therapie motivieren kann. „Ich will weg von der Straße, vielleicht kann ich irgendwann wieder als Maler und Lackierer arbeiten.“

Nach Schätzungen waren 2015 in Berlin bis zu 6.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Und das spürt auch die Bahnhofsmission am Zoo. Die Schlange vor der Tür ist heute deutlich länger. Während Torsten sich für das Mittag­essen anstellt, greift Claudia Haubrich nach dem Autoschlüssel und der Tüte mit den Schuhen. „Bis nachher“, ruft sie uns zu und macht sich auf den Weg.

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